Im Märchenwald

29Mär07

Heute war ein schöner Frühlingstag, ein Tag, wie am achten Tag der Schöpfung. Die Vögel zwitscherten, als hätten sie es gerade erst gelernt, als wollten sie noch üben und jeden möglichen Ton ausprobieren. Wie Kinder, die neues Spielzeug erhalten haben und es jetzt unbedingt ausprobieren müssen.

Ich hatte etwas Zeit und wollte die frische Luft genießen. So machte ich mich auf und ging etwas im angrenzenden Wald spazieren. Das habe ich schon lange nicht mehr getan und so war ich froh, dass sich mir diese Gelegenheit bot. Ich nahm diesmal den schmalen Weg, der an einem Flüsslein entlang führte. Es war wirklich nur ein Flüsslein, klein und schmal, aber durch den steilen Abhang stürzte er mit einer doch ziemlich starken Strömung den Berg hinunter, wild um sich plätschernd, nur von den Felsen in seiner Bahn gebändigt. Nach einer Weile bog der Weg dann nach links vom Bach weg, der im Hintergrund weiter mit den Felsen kämpfte, und ich kam tiefer in den Wald hinein. Langsam verstummte der Lärm der Straße und die Zivilisation erschien nur noch wie eine blasse Erinnerung, nicht real.

Ich hatte vergessen, was für ein bezaubernder Ort der Wald sein kann, in der Tat fast magisch. So tief im Wald fühlt man sich wie in einem zeitlosen Raum, wo Vergangenheit und Gegenwart ineinander fließen und die Zeit keine Rolle mehr spielt. An diesem Ort wäre man nicht erstaunt, wenn hinter dem nächsten Baum ein alter Germane ein Nickerchen halten würde, oder weiter unten auf dem Feldweg plötzlich Ritter in einer glänzenden silbernen Rüstung auf hohen Rössern vorbeireiten würden. Mit jedem Atemzug atmet man die Luft der Ewigkeit und der Weisheit des Alters, die in diesen Bäumen schlummert, die schon so viel in ihrem Leben gesehen haben. Königreiche zerfielen und Giganten des Geistes verstarben, aber diese Bäume überdauerten sie alle. Und wenn wir nicht so schnelllebig wären, könnten wir vielleicht hören, wie sie uns eine oder zwei Geschichten zu erzählen hätten…

Aber selbst wenn wir uns Zeit nehmen, sind wir zu schnell, um sie zu hören. Und so gehe ich weiter auf meinem Weg, berauscht von dieser Impression. Ein Stückchen weiter sehe ich dann, wie ein kleiner Pfad sich vom Weg abzweigt und fast unsichtbar zwischen den Bäumen hindurchführt um dann im Gewirr der Blätter zu verschwinden.

Ich stehe noch an diesem Pfad und betrachte ihn, da höre ich ein leises Kichern. Nein, eigentlich zwei leise Kicher, abwechselnd sich zukichernd. Ich drehe mich um und wie zwei Geister der Vergangenheit aus dem Nichts huschen ein junger Mann und eine junge Frau an mir vorüber und betreten einander an den Händen haltend und rennend den Pfad, den ich gerade noch betrachtete. Ich weiß gar nicht mehr wieso, aber wie von jemandem gezogen ging ich hinter ihnen her, ganz leise und in sicherem Abstand, um sie nicht zu stören.

Nach einigen Metern springt plötzlich ein Reh ganz aufgeschreckt davon. Aber das lässt das Pärchen nur ganz kurz innehalten. Bald lachen sie wieder und gehen, nun etwas langsamer, weiter auf dem Pfad entlang. Das scheue Reh, ja jedes raschelnde Blatt und jedes Knacksen im Unterholz sind nur weitere Töne in der Melodie des Hohelieds der Liebe, dass die beiden gemeinsam und füreinander anstimmen.

Nach einigen weiteren Schritten bleiben die beiden an einem Baum stehen, immer noch halten sie sich die Hände und jetzt blicken sie sich in die Augen, sie leicht verlegen und unsicher und er ihr innerstes suchend.

„Psscht“, sagt er dann und hält sich den Finger an den Mund, „hast du das gehört?“

„Was?“

„Wie die Vögel eine kurze Pause eingelegt haben, wie sie kurz aufgehört haben zu singen, als sie dich sahen? Wie sie nach Luft geschnappt haben, um jetzt wieder mit ganzer Kraft ihr schönstes Lied anzustimmen, mit dem sie deine Schönheit besingen?“

Sie blickte verlegen zur Seite.

„Und siehst du die rote Sonne? Sie errötete, als sie dich sah, weil sie nicht weiß, wie sie sich in deiner Nähe verhalten soll. Siehst du, wie sie sich schamvoll hinter den Bergen versteckt?“

Das junge Mädchen errötete wie im Wettstreit mit der röte der Sonne und kicherte verlegen.

In dem Moment erschrecke ich ein wenig über mich selbst, denn eigentlich gehört es sich nicht, andere so zu belauschen. Und so lasse ich die beiden verliebten zurück und gehe leise auf dem Pfad zurück, ohne die beiden zu stören, und gehe tiefer in den Märchenwald hinein…



No Responses Yet to “Im Märchenwald”  

  1. No Comments Yet

Leave a Reply